Oh Sommerloch, du Spiegel der Gesellschaft! Was bringst du noch? Pixibuch-Skandal in Hamburg. Der Spiegel hat sich die Mühe gemacht, ein Video zu fabrizieren und unter Abwägung aller Argumente im Bewusstsein seiner journalistischen Verantwortung Position zu beziehen:
Via Zwischenruf, der die argumentative Kraft des Videos anscheinend ein wenig überschätzt. Die YouTube Kommentare sind übrigens – Überraschung! – völlig jenseitig, daher kein Direktlink.
Gleich vorweg: Das ist ein unterstützenswertes Anliegen. Es ist wirklich nicht einsehbar, warum in Schulbüchern, zumal solchen, die sich mit Demokratie und Gesellschaft beschäftigen, letztere nicht in all ihren Facetten – und zwar gleichberechtigt – gezeigt wird. Da liegt es nahe, sich einmal mit den Herstellern der Bücher auseinander-, besser: zusammenzusetzen.
Nun ist die Kommunalpolitik eine eher mühsame Sache. Die Welt ist voller kleiner und alltäglicher Ungerechtigkeiten, die halt auch bekämpft werden müssen, aber bei einem breiteren Publikum gerne auf Spott und Hohn stoßen, weil das eine gute Gelegenheit ist, einmal zu demonstrieren, wie sehr man doch über den Dingen steht und weiß, was wirklich wichtig ist. Auch hier ist der Vorwurf, es gäbe Wichtigeres im Leben bzw der Politik zwar richtig, aber nicht berechtigt: Größere Missstände machen es nicht obsolet, auch kleinere zu bekämpfen.
Das “Was” ist also ok, woran es scheitert ist das “Wie”. Die Begriffe Rassismus und Diskriminierung sind in der Alltagssprache schwerwiegende Vorwürfe und werden mit entsprechend Vergehen in Verbindung gebracht. Nun ist sicher richtig, dass die Pixibücher als rassistisch oder diskriminierend bezeichnet werden können – in einem wissenschaftlichen Kontext. Wenn man aber für eine politische Forderung werben will, empfiehlt es sich, eine kluge Kommunikationsstrategie zu wählen – nämlich eine, die die eigenen Argumente so vielen wie möglich so gut wie möglich verständlich macht. Hier wurde anscheinend versucht Betroffenheit zu erzeugen, indem man harmlose Pixibücher als arg rassistisch und diskriminierend zeichnet. Das ist gelungen: Es macht tatsächlich betroffen, wie blauäugig man selbst im Grunde eh aufgeschlossene Menschen in die Arme der ewig hysterischen ich-diskriminier-wen-wann-und-wie-ich-will Paranoiker treibt.
Nicht falsch verstehen: Es geht hier nicht um PR oder dergleichen. Es geht viel grundlegender um das dahinter stehende Politikverständnis. Schon die alten Griechen wussten, dass ein gutes Argument nichts wert ist, wenn es nicht überzeugend präsentiert wird. Dazu gehört, dass man sich vorher überlegt, wen man überzeugen will und wie das zu bewerkstelligen wäre. Die Wahl der richtigen Kommunikationsstrategie ist die ureigenste Aufgabe der Politik selbst, genauso wie die inhaltliche Positionierung. Das Eine ohne das Andere ist keine Politik. Glaubwürdigkeit entsteht nie allein durch das richtige Argument oder das richtige Auftreten – nur beides gemeinsam kann überzeugen.
Alles andere wird früher oder später als verlogen erkannt oder als dilettantisch verlacht – Politikverdrossenheit, anyone?


7 Kommentare
Nur ein kleiner Nitpick(?): “Der Spiegel hat sich die Mühe gemacht, ein Video zu fabrizieren
und unter Abwägung aller Argumente im Bewusstsein seiner journalistischen Verantwortung Position zu beziehen:” Ich habe da echt lang gerätselt, aber: Hä? Du meinst sie beziehen keine Position? Oder doch? Oder wie? Bin ich zu blöd das zu verstehen?Insgesamt finde ich, dass die PolitikerInnen im Video vollkommen recht haben. Es IST ein Skandal und keine lächerliche Debatte. Nur weil paar Idioten das nicht verstehen ändert das nichts an den dieser Tatsache. Ihr Fehler ist wohl in einer Reportage von Spiegel TV vorzukommen….
Aaarrrgghh! Irgendwie muss man bei solchen Beiträgen ja schon fast lachen… Was sollte man statt einer Familie hinzeichnen? Entspricht es einem realistischeren modernen Familienbild eher, das Verlies in Amstätten abzubilden? Oder vielleicht eine alleinerziehende afghanische Mutter im Schleier? Oder eine kurzhaarige Emanze mit Achsel- und Beinbehaarung, die ihren Exmann aufs Existenzminimum pfänden lässt, ihm aber keinen Umgang mit den Kindern gestattet? Oder gar zwei Homos? Oder einfach zu der Familie im Beitrag ein afrikanisches und ein asiatisches und ein indisches Kind dazuzuzeichnen? (Nein, dann könnte man ja auf die Idee kommen, dass die Frau eine Schlampe mit einer Schwäche für Exoten ist… oder wäre das sogar wieder gewollt; ist Treue in Beziehungen schon zu traditionell geworden?
Und soll in Mathematikbüchern nicht mehr der Hansi 5 Äpfel und 3 Birnen kaufen sondern der Dragan 2 Kebabs und 4 Dürüms? Sorry, ich meinte natürlich die Filiz, wäre ja ein Skandal einen Mann zu nehmen… Und zur Lesbarkeit von genderneutralen Texten und Textinnen brauch ich wohl keinen Kommentar bzw keine Kommentarin abgeben.
Nein im Ernst, ich hab nichts gegen die Quotenfrauen und den Quotenschwarzen, aber irgendwo muss auch die Grenze sein. Wenns in dem Buch keine größeren Skandale gibt als diese 3-4 Seiten, was wohl bedeutet, dass die restlichen 50 ok sind, dann halte ich es für eine Frechheit, darüber eine öffentliche Debatte loszutreten. Polarisierenderes gehts ja nicht mehr. Und immer dann, wenn Integration (von wem auch immer) künstlich/erzwungen/unrealistisch wirkt, sollte man sie meines Erachtens lieber bleiben lassen und sich etwas besseres überlegen. (Stichwort fixe Frauenquoten, auch bei besser qualifizierten männlichen Bewerbern.)
@gulasch
Ok, ist tatsächlich nicht so klar: Ich wollte damit nur darauf anspielen, dass das Video enorm manipulativ und einseitig gemacht ist – von ausgewogener Darstellung der Argumente und Qualitätsjournalismus also keine Spur.
Geb dir ja recht, aber hätte man es nicht besser kommunizieren können? Es ist ein Unding, aber man muss den Leuten ja auch verständlich machen, warum.
@Aslon
Na, da greifst du aber tief in den Klischeetopf… Das fällt ja wohl mehr unter freie Assoziation als Argumentation
Woher denn so viel Ablehnung? Es ist doch notwendig in einem Lehrbuch über Demokratie die Gesellschaft so gemischt, wie sie ist, und so gleichberechtigt, wie sie sein sollte, darzustellen. Klar kann man hinterfragen, warum es automatisch der Schulleiter sein muss oder keine dunkelhäutigen Menschen vorkommen. Für sich genommen ist jeder einzelne Punkt nicht so tragisch, aber zählt man alles zusammen, ergibt sich ein Bild der Gesellschaft, wie es a) in der Realität nicht existiert und b) kleinen Kindern nicht als “normal” vermittelt werden sollte.
Mein Punkt ist, dass ich nicht verstehe, warum man bei der Vermittlung dieser Überlegungen zum gefühlt 197.000ten mal dem politischen Gegner ins offene Messer läuft. Bevor man “Skandal!” schreit, müsste man sich doch überlegen, wie das ankommt und ob es nicht sinnvolle Alternativen gibt. Vielleicht hättest du ja auch weniger emotional reagiert, wenn man ausgewogener und unaufgeregter argumentiert hätte?
naja, “skandal” finde ich ungefähr so adäquat wie rassismus – das ist mir ein wenig zu kronesk.
trotzdem: bei der gestaltung des buches hätte man wohl einiges besser machen können. nachdem ich aber ein großer fan der deeskalation bin und mir generell eine welt voller häschen und blümchen wünsche, die sich gegenseitig respektieren und schätzen, hätte ich es a) sinnvoller und b) weniger unappetitlich gefunden, erst mal die pixie-menschen direkt anzusprechen.
der pixie-mensch aus dem beitrag scheint nämlich – im gegensatz zu den beiden damen von links und gal (wer?! auf meinem wahlzettel stehen die nicht…) – ganz vernünftig zu sein und ich finde es schön, dass er so konstruktiv und unaufgeregt fehler eingesteht und ausbügeln will.
dass die antwort auf dieses entgegenkommen allerdings darin besteht, sich über die klischeehaftige langhaarigkeit von mädchen zu erregen, zeigt meiner meinung nach deutlich die absicht von artus und güclü…
ps: Ihr blog zählt trackbacks als kommentare – mogelpackung! frechheit! wo ist spiegel-tv, wenn man sie braucht?!
ps2: ihre meinung zu den alten griechen freut mich. wie legen Sie das auf den artikel von frau brodnig um?
ps3: “Bin gespannt, ob ich überhaupt noch in der Lage bin, zusammenhängende Texte zu schreiben, denen man den Juristen nicht sofort anmerkt. “
nein. : )
ps4: herr gulasch, Sie sind gender-brainwashed! politikerInnen my ass! ; P
Jo, zuerst mit Pixi zusammensetzen und dann als tollen politischen Erfolg zum Wohle zukünftiger Generationen verkaufen wär wohl wesentlich besser angekommen als erst einmal ordentlich drüberfahren und dann auch noch unwirsch auf Kooperation reagieren. Gerade weil Wahlkampf ist: So wie’s gelaufen ist, hat man doch höchstens die ganz harte eh schon überzeugte KernwählerInnenschaft ansprechen können – auf Kosten einerseits der an sich guten Idee und andererseits der Möglichkeit, auch mal andere Leute mit ins Boot zu holen.
Ja, äh, das mit diesen Trackbackdingern hab ich offen gestanden noch nicht ganz kapiert…
Zur “Jugenddebatte” kommt auch noch irgendwann mal was. Fand Brodnig eh super – allerdings wehrt sie sich gegen etwas, das ihr so niemand vorgeworfen hat, meiner Meinung nach. Mehr später.
Harhar! Die Stimme in meinem Kopf kommt mir immer viel normaler vor
Der ausgerufene Skandal, der gar keiner ist..
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