Thilo und die Sarrazinen

Der deutsche Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin hat seine Sicht auf die Integrationspolitik in Berlin in einem Interview mit der Zeitschrift Lettre International dargelegt, leider nur Auszugsweise online zu finden. Darin holt er zu einem Rundumschlag gegen die wohlstandsverwahrloste Unterschicht im Allgemeinen und deren arabisch- und türkischstämmigen Teil im Besonderen aus. Sarrazin redet sich gehörig in Rage; und wie das so ist, wenn man seinem Ärger einmal ordentlich Luft macht, verrät er dabei viel über sein Weltbild. Interessant sind dabei vor allem folgende Passagen:

Man muss davon ausgehen, dass menschliche Begabung zu einem Teil sozial bedingt ist, zu einem anderen Teil jedoch erblich. Der Weg, den wir gehen, führt dazu, dass der Anteil der intelligenten Leistungsträger aus demographischen Gründen kontinuierlich fällt.

Es mag ja für Individuen durchaus zutreffen, dass die Intelligenz nicht zuletzt auch von den Genen abhängt. Diese Beobachtung jedoch auf ganze Bevölkerungsgruppen, die sich nur über kulturelle und soziale Aspekte – Herkunft, Religion etc – definieren lassen hochzurechnen, ist klassischer Rassismus. Nach Sarrazins Ansicht wollen sich Türken und Araber nicht nur nicht integrieren, sie können gar nicht: schlechtes Erbgut. Dass hier auch tatsächlich die Biologie gemeint ist, ergibt sich aus der ausdrücklichen Kontrastierung mit der sozialen Bedingtheit von Intelligenz – soweit es nicht die ist, muss es daher das Genmaterial sein. Lässt man also diese Leute sich ungehemmt vermehren (weil man sie etwa bei der Familiengründung durch staatliche Transferleistungen unterstützt), droht eine Verwässerung des Genpools. Vielleicht nur ein unbedachter Ausrutscher, nicht so gemeint? Naja:

Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate. Das würde mir gefallen, wenn es osteuropäische Juden wären mit einem um 15 Prozent höheren IQ als dem der deutschen Bevölkerung.

Abgesehen davon, dass Sarrazin damit sein vorhergehende Konstruktion vom “kleinen”, bedrohten Volk der Deutschen ad absurdum führt (wenn die Deutschen schon so ein schützenswertes Volk sind, müsste ja der Fremde per se eine Bedrohung darstellen, nicht nur der minder intelligente): Wieder die direkte Verknüpfung von Vererbung und Intelligenz. Um 15% intelligentere Zuwanderer sind also willkommen; warum aber “osteuropäische Juden”? Hier werden Herkunft und Kultur pauschal zu Garanten der persönlichen Eigenschaften einzelner Menschen hochgerechnet.

Freilich, das sind nur zwei kurze Zitate aus einem sehr viel längeren Text, der nicht nur Falsches und Polemik enthält. Der Vorwurf lautet auch nicht, dass Sarrazin Unwahrheiten erzählen würde; sicherlich sind viele seiner Beobachtungen richtig. Die Schlüsse, die er aus diesen zieht, sind jedoch von einem stark autoritär und rassistisch gefärbten Weltbild geprägt. Darum rufen seine Aussagen Empörung hervor – und nicht etwa, weil er Integrationsprobleme überhaupt angesprochen hat oder die Meinung vertritt, dass staatliche Transferleistungen die Wurzel allen Übels sind.

Wie man sich auf – haha – intelligente Weise mit dem Thema Integration auseinandersetzen kann, demonstriert etwa Robert Misik:

YouTube; via misik.at

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10 Kommentare

  1. CDomingo
    Erstellt am 07.10.2009 um 00:00 | Permanent-Link

    Ich empfehle ihnen einmal das gesamte Interview zu lesen und nicht nur das, was durch die Medien geistert nachzuplappern.

  2. besser anonym
    Erstellt am 07.10.2009 um 11:31 | Permanent-Link

    Ein niedriger IQ türkischer Einwanderer könnte auch damit erklärt werden, dass der Einwanderungsprozess nach Intelligenz selektiert. Intelligentere Türken können wohl auch in der Türkei ein gutes Einkommen finden und dürften das Einheiraten in den europäischen Sozialstaat als wenig attraktiv auffassen.
    Die Frage, inwiefern die stabilen IQ-Differenzen verschiedener Ethnien (aschkenasische Juden, Südostasiaten, Europäer, Afrikaner in absteigender Reihenfolge) genetisch bedingt sind, ist keine der Weltanschauung, sondern eine Wissenschaftliche. Dazu gibt es Berge von Empirik, die aber üblicherweise mit Codewörtern verschleiert sind. Und das aus gutem Grund, wie man am Fall des schon etwas senilen James Watson gesehen hat, der medial fertig gemacht wurde, weil er Klartext sprach. Da half im sein Nobelpreis rein gar nichts.
    15% ist übrigens eine irreführende Aussage. Der IQ von aschkenasischen Juden liegt etwa eine halbe bis eine ganze Standardabweichung über der von sonstigen Europäern. Dazu gibt es einige Hypothesen. Beispielsweise, dass das Verbot manueller Tätigkeiten, die jahrtausende lange Verfolgung, sowie die Praxis die reichste Tochter mit dem intelligentesten Rabbiner zu vermählen, über die Jahrhunderte nach Intelligenz selektiert hat.
    Übrigens sind auch die überdurchschnittlichen Leistungen vietnamesischer Einwanderer so gut erklärbar. Südostasiatische Einwanderer zeigen überall auf der Welt Bildungserfolge, selbst, wenn sie tw. verfolgt oder unterdrückt werden. Chinesen in Malaysia, Japaner in Brasilien und den USA, usw.
    Wenn man Rückschlüsse auf ein Weltbild ziehen kann, dann eher aus der energischen Reaktion auf diejenigen, die genetische Unterschiede vermuten. Denn Menschenverachtung kann man dieser Überzeugung nur unterstellen, wenn damit eine Verachtung von Minder-Intelligenten verbunden ist. Und genau diese orte ich sehr wohl häufig. Die Hälfte aller Europäer sind schließlich unterdurchschnittlich intelligent. Tja, das sind die Kronenzeitungsleser, FPÖ-Wähler, Hauptschulabgänger, für die viele nur Verachtung übrig haben. Diese Verachtung kann man wohl kaum vor seinem Gewissen verantworten, wenn die Betroffenen nichts dafür können, dass sie keine Mathematik verstehen oder sich mit der komplexen Sprache einer Qualitätszeitung schwer tun.
    Wir können unmöglich humanistische Lösungen für gesellschaftliche Fragen finden, wenn wir etwaige genetische Unterschiede leugnen. Der amerikanische Bildungssprecher hat aktuell wieder den ambitionierten Plan geäußert, dass bis 2020 alle Kinder den Highschool-Abschluss schaffen sollen. Das versucht man seit Jahrzehnten. Bisher ohne Erfolg. Und mit den Gescheiterten kann man nichts anfangen. Ein Bildungsystem nach Vorbild europäischer Staaten, mit Lehre, Berufsschule usw. wird dort abgelehnt, weil es angeblich schrecklich wäre, Kindern mit geringer Begabung das furchtbare Schicksal, Handwerker zu werden, aufzudrängen und der Erfüllung durch ein Studium zu verwehren.
    Die Annahme, dass es keine genetischen Unterschiede zw. Bevölkerungsgruppen gibt kann auch zu einigen problematischen Schlussfolgerungen führen. Die Minderleistung von Afroamerikanern wird primär auf Rassismus und Diskriminierung zurückgeführt. Nur würde diese Analyse auch analog zur Vermutung führen, dass der überdurchschnittliche Erfolg von Juden in Wissenschaft, Wirtschaft, Medien und Politik in einer jüdischen Verschwörung  oder Freunderlwirtschaft begründet wäre. Deshalb können wir auch mit dem Erfolg der Juden nicht umgehen und wird dieser wird daher auch verschwiegen. Wer darauf hinweist, dem wird schnell unterstellt, Antisemit zu sein.
    Watsons Frage, ob man die Entwicklungspolitik in Afrika einfach so unter der Annahme führen kann, dass es keine Unterschiede gibt, ist wesentlich.
    Thilo Sarrazin weiß aber auch nichts mit den Minder-Intelligenten anzufangen und er pauschalisiert ziemlich.  Denn unabhängig vom IQ von Einwanderern gibt es ja auch zig Millionen Deutsche, die auch nicht Intelligenter sind als besagte Einwanderer. Wenn man von einer biologischen Komponente ausgeht, ist es auch falsch, Vietnamesen gegen Türken auszuspielen, denn die Unintelligenten unter den Türken haben sich ja ihre Gene nicht ausgesucht.
    Was man für konkrete Schlüsse ziehen sollen, weiß ich auch nicht. Woher auch, das Thema wird ja nicht einmal hypothetisch diskutiert.
    Die Formel, dass Globalisierung und Export einfacher Tätigkeiten kein Problem wäre, weil man einfach durch Weiter- und Fortbildung lauter Ingenieure und Kreative heranziehen könne, halte ich für unrealistisch.
    Auf der anderen Seite kann man Kellner und Friseusen schlecht nach Indien auslagern oder durch Software ersetzen. Insofern werden die Hauptschüler vielleicht am längsten lachen. Vielleicht ist ja der prekär beschäftigte akademische Dauerpraktikant der Sozialfall von morgen.

  3. besser anonym
    Erstellt am 07.10.2009 um 11:40 | Permanent-Link

    Übrigens, wer sich über human biodiversity auf wissenschaftlicher Basis informieren will, dem sei Razib Khans Blog Gene Expression empfohlen.


  4. besser anonym
    Erstellt am 07.10.2009 um 12:05 | Permanent-Link

    Nochwas zur “Verwässerung” des Genpools.
    Diese wird überdramatisert, denn es gibt das Phänomen der Regression zur Mitte, das man in vielen angeborenen Eigenschaften feststellt. Z.b. auch bei der Körpergröße. Große Eltern haben zwar große Kinder, die aber im Schnitt etwas kleiner sind als ihre Eltern. Die Enkel sind dann nur mehr Durchschnitt. Das gleiche gilt für kleine Eltern. Da spielen die mendelschen Gesetze und rezessive Merkmale eine Rolle.
    Das gleiche kann man beim IQ beobachten. Dh. die Enkel der Hartz-IV Empfänger sind im Durchschnitt erwartungsgemäß so intelligent wie die Enkel von Kernphysikern. Wenn sich die Evolution so schnell abspielen würde, dann hätten wir ja binnen weniger Generationen überspezialisierte Freaks die in evolutionären Sackgassen hängen blieben.
    Die Regression zur Mitte ist aber auch ein starker Hinweis auf genetisch bedingte Unterschiede zw. Afrikanern, Europäern, Asiaten usw. Denn die Kinder von erfolgreichen, hochintelligenten Afroamerikanern fallen trotz optimalem sozialen Bedingungen, Privatschule usw. enorm zurück. Die Enkel liegen dann wieder beim Mittel für Afroamerikaner von 85.
    Es ist absehbar, dass pränatale Genmanipulation oder Selektion bald Realität wird. Darauf werden Eltern, die schon jetzt alberne Versuche zur Steigerung des IQs ihrer Ungeborenen und Kleinkinder unternehmen, mit Sicherheit zurückgreifen. Möglicherweise bekommen wir dann eine Gesellschaft von neurotischen, hochintelligenten Klugscheißern.

  5. Aslon
    Erstellt am 07.10.2009 um 16:59 | Permanent-Link

    Wie war das mit den Homophoben, sind die nicht in Wahrheit selbst meistens schwul? Die Überlegung könnte in Sachen Intelligenz auch auf einen Mann namens Sarrazin zutreffen, dessen Name mich irgendwie an die Sarazenen erinnert… aber ist nur so ein Gedanke ;)

  6. Erstellt am 18.10.2009 um 16:56 | Permanent-Link

    @besser anonym

    Mag sein, dass Sarrazin, Watson etc naturwissenschaftlich durchaus nicht unrecht haben. Der entscheidende Punkt ist aber, dass die körperlichen Merkmale eines Menschen nicht Anknüpfungspunkt für die Politik sein dürfen: So darf die Intelligenz, soweit sie genetisch bedingt ist, kein Kriterium sein um Menschen rechtlich unterschiedlich zu behandeln. Das ist mein Kritikpunkt: Für Sarrazin scheint die natürliche Intelligenz von Zuwanderern politisch eine Rolle zu spielen. Das Widerspricht massiv dem Gleichheitsgrundsatz, der zwar Differenzierung zulässt, jedoch nur sachlich gerechtfertigte. (Un)Intelligenz ist jedoch niemals eine sachliche Rechtfertigung für rechtliche Ungleichbehandlung, genauso wenig wie Gesundheit oä. Fangen wir erst einmal an, Menschen nach ihren körperlichen Merkmalen (für die sie ja nichts können) zu selektieren, landen wir ziemlich schnell in einer faschistischen Gesellschaft – schließlich ist es geradezu die Grundidee des Faschismus, dass die Menschen nun einmal bioligisch nicht gleich sind und sich das in der Politik widerspiegeln muss.

    Biologie und Politik sind also tunlichst auseinander zu halten. Das sollte man im Hinterkopf behalten – zb in der Genderdebatte wird auch viel zu oft vom biologischen Ist-Zustand auf den politischen Soll-Zustand geschlossen.

    In dem Zusammenhang ist die genetische Manipulation (zb in Richtung höhere Intelligenz) ein heißes Thema: Wenn diese Faktoren tatsächlich beeinflussbar werden, wie muss die Politik darauf reagieren? Förderungen für intelligenzsteigernde Maßnahmen?

  7. dieter
    Erstellt am 26.10.2009 um 11:36 | Permanent-Link

    Der entscheidende Punkt ist aber, dass die körperlichen Merkmale eines Menschen nicht Anknüpfungspunkt für die Politik sein dürfen

    Schön wär’s, aber Politiker denken ständig in Gruppen. Z.B. wenn es um Geschlechterquoten geht.
    Aber nicht nach Intelligenz zu diskriminieren, ist unmöglich. Jeder Test diskriminiert mehr oder weniger nach IQ. Medizin-Eignungstests ganz besonders, Matura, Zuwanderungsquoten, auch.
    Förderungen für intelligenzsteigernde Maßnahmen? Ich befürchte eher, dass pränatale Genmanipulation ganz ohne Förderung regen Zulauf bekommen wird und wir dann nur mehr Fußballer, Schauspieler, Models und dysfunktionale Genies haben werden. Die Gesellschaft braucht auch die Masse der Mittelmäßigen die die schnöden Aufgaben des Alltags erledigen.

  8. Erstellt am 03.12.2009 um 14:52 | Permanent-Link

    Es gibt übrigens auch eine Immigration in die Emigration:
     
    http://castollux.blogspot.com/2009/11/shiphol-istanbul-zielbahnhof.html
     
    Mit meinem Beitrag wollte ich allerdings nicht andeuten, dass Muslime in  den Niederlanden per se abgelehnt werden.
     
    Das stimmt nicht. Es geht vielmehr darum, dass die gut ausgebildete Intelligenz auswandert (aus den im Film geschilderten Gründen) und die schlecht ausgebildete – nicht integrationsfähige (unwillige?) Zuwanderersschicht übrigbleibt.
     
    Das ist m. E. die Botschaft hinter dem Film aus den Niederlanden.
     
    Und ich kenne mich dort sehr gut aus. Wie gesagt, seit 1982.

  9. Erstellt am 05.12.2009 um 10:18 | Permanent-Link

    Ich teile Ihre Ansicht nicht. Aber den vollständigen Kommentar können Sie bei mir als pdf-Datei runterladen (am Ende des Artikels): http://wp.me/pi0jo-bS

    • Erstellt am 06.12.2009 um 18:31 | Permanent-Link

      Danke! Kenne das Interview und Ihren Kommentar schon und teile Ihre Ansicht durchaus. Es bräuchte allerdings eine öffentliche Diskussion, in der Kritik nicht offensichtlich aus purer Verachtung und fragwürdigen biologistischen Vorstellungen von Intelligenz heraus formuliert wird. Richtig ist, dass man sich nicht in die Geiselhaft der political correctness begeben darf; ebenso muss man aber endlich eine Sprache finden, die die Verhältnisse beim Namen nennt, ohne gleich ausfällig zu werden – so zementiert man nur die Fronten, statt zu sinnvollen Lösungen zu kommen.

3 Trackbacks

  1. Von Markus Otti am 06.10.2009 um 22:18

    Thilo und die Sarrazinen: bisschen was gebloggt zum Fall #Sarrazin – http://bit.ly/139R19 #farblos

  2. [...] This post was mentioned on Twitter by Thomas Wystrach. Thomas Wystrach said: RT @klapauz: Thilo und die Sarrazinen: bisschen was gebloggt zum Fall #Sarrazin – http://bit.ly/139R19 [...]

  3. Von Thomas Wystrach am 08.10.2009 um 19:35

    RT @klapauz: Thilo und die Sarrazinen: bisschen was gebloggt zum Fall #Sarrazin – http://bit.ly/139R19

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