Unter der Überschrift “Die Krux mit der Basisdemokratie” findet sich in der Presse vom 28.10. ein aufschlussreiches Zeugnis politischen Selbstverständnisses: Die Forderungen der Studierenden, so der Tenor, wären ja immerhin nachvollziehbar. Unerträglich jedoch, wie sich die Besetzer durch ihre basisdemokratischen Anwandlungen selbst lähmten – als Verhandlungspartner leider nicht ernstzunehmen.
Wir lernen: Wer sich demokratisch organisiert, um Standpunkte ringt und lange mühsame Diskussionen führt, verspielt seinen Glaubwürdigkeit. Das dauert zu lange.
Kein Wunder, dass die Politikverdrossenheit hoch ist: Die reden alle immer so viel im Nationalrat, oft braucht es gar länger als mehrere Tage, bis etwas Vorzeigbares zustande kommt. Lässt sich das mit der Audimaxbesetzung vergleichen? Freilich. Das Plenum wählt Ausschüsse, weist ihnen Agenden zu, die Ausschüsse diskutieren, schlagen Beschlüsse vor, das Plenum beschließt oder verweist an die Ausschüsse zurück und immer so weiter; gefühlt endlos, bis dann eines schönen Tages ein Ergebnis erzielt wird. Das, was man die letzten Tage live aus dem Audimax mitverfolgen konnte, findet ein paar Häuser weiter im Parlament in ähnlicher Form schon länger statt – wenn auch nicht ansatzweise so transparent in Echtzeit nachvollziehbar. Das Prozedere nennt sich hüben wie drüben Demokratie.
Wem die Vorgänge im Audimax schon sauer aufstoßen, der freut sich wahrscheinlich auch ungemein über Klubzwang und Parteiraison. Tatsächlich ist es wohl so, dass einem guten Teil der Bevölkerung diese Zustände durchaus recht sind: Es sieht ordentlich aus, es wird nicht viel gestritten (das bisschen intrigante Geplänkel, das täglich durch die Nachrichten geistert, wird in der Regel schon als freche Zumutung empfunden), es ist, kurzum, nicht anstrengend.
Das kann man von der (Basis)Demokratie leider nicht behaupten: Erstens gibt es niemanden, der auf den Tisch haut und sagt, wo es lang geht. Zweitens weiß man am Anfang meist nicht, was am Ende herauskommen wird. Drittens dürfen alle – sogar die wunderlichsten Leute mit ganz anderen, exotischen Meinungen – ihren Senf dazugeben. Und das alles, viertens, geht nicht von heute auf morgen.
Dass das in Österreich nicht gern gelitten ist, hat zwei Gründe: Zum einen fehlt es an einer öffentlichen Debattenkultur. Wir sind es nicht gewohnt, die Dinge, die uns alle angehen, detailliert und kontrovers in der Öffentlichkeit zu diskutieren. Zum anderen sind wir die Demokratie nicht gewohnt. Macht geht traditionell von undurchsichtigen Institutionen aus, die nur sehr indirekt der Öffentlichkeit verantwortlich sind: Früher der Reichstag, in jüngerer Vergangenheit die Sozialpartner. Nicht, dass die Ergebnisse durchwegs schlecht gewesen wären – allerdings ist das nur eine sehr indirekte, undurchsichtige Form der Demokratie. Kommt es dann doch einmal zu einer offenen Auseinandersetzung, ist schnell von “linken Chaoten” und “basisdemokratischen Träumen” die Rede.
Wenn man schon unbedingt eine “Schwäche der Besetzer” dingfest machen wollte, könnte es nur eine inhaltliche sein. Die basisdemokratische Vorgehensweise der BesetzerInnen, so ungewohnt sie erscheinen mag, ist jedoch definitiv kein Problem.


5 Kommentare
Deine Einwende sind nat. tw. berechtigt! Man kann hier aber nicht nur als Kritikpunkte sehen, sondern auch eine Chance, für eine neue Sicht auf die in weiten teilen sehr volksferne und verstaubte Demokratie. Wart mal ab was sich daraus noch ergibt. Das Ganze ist, und das kann man jetzt schon behaupten, auf jeden Fall ein spannendes Experiment.
Sehr guter Beitrag bzw. gute Argumentation. Danke sehr!
@Johannes
Hoppla, welche Einwände meinst du denn? Die gegen die BesetzerInnen sind jedenfalls nicht meine ;)
@Karl
Danke! Hoffentlich wird der Livestream nicht abgedreht, das wäre ein herber Rückschlag für die Argumentation…
damn right
Yo!
Ich muss zugeben, ich hab das ganze nicht wirklich intensiv verfolgt, aber was an dieser “Basisdemokratie” schon irgendwie lähmend ist, ist die ständige Vermischung von Themen, die unterschiedlicher nicht sein könnten (zumindest kommt das so in den Medien rüber). Zum Beispiel: Wenn es um die Frage des freien Hochschulzugangs geht, dann ist es für mich eher überraschend, wenn plötzlich Forderungen wie “Medikamente für alle” oder “Stoppt den Hunger in der dritten Welt” in die Welt posaunt werden… (Auch wenn ich diese Forderungen grds unterstütze…) Oder auch die Vermischung mit Frauenpolitik, oder diese ganzen persönlichen Geschichten mit dem Hahn. Ist sicher nicht die optimale Art, zu brauchbaren Ergebnissen zu kommen. Ein Minimum an Organisation (zB Thema, zu dem diskutiert wird) braucht man finde ich schon.
Aber weil nicht mal das funktioniert brauchen wir in Österreich wahrscheinlich gerade deswegen eine (bessere) öffentliche Debattenkultur. Ich schließe mich da dem Rainer Nowak an und fordere: WU-Studenten, besetzt die Mensa und verlangt Steuersenkungen! Und die Jus-Studenten sollen ihre Hörsäle besetzen und gegen den Bruch des Generationenvertrages protestieren.
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[...] Die grausliche Demokratie Kein Wunder, dass die Politikverdrossenheit hoch ist: Die reden alle immer so viel im Nationalrat, oft braucht es gar länger als mehrere Tage, bis etwas Vorzeigbares zustande kommt. Lässt sich das mit der Audimaxbesetzung vergleichen? Freilich. Das Plenum wählt Ausschüsse, weist ihnen Agenden zu, die Ausschüsse diskutieren, schlagen Beschlüsse vor, das Plenum beschließt oder verweist in die Ausschüsse zurück und immer so weiter; gefühlt endlos, bis dann eines schönen Tages ein Ergebnis erzielt wird. Das, was man die letzten Tage live aus dem Audimax mitverfolgen konnte, findet ein paar Häuser weiter im Parlament in ähnlicher Form schon länger statt – wenn auch nicht ansatzweise so transparent in Echtzeit nachvollziehbar. Das Prozedere nennt sich hüben wie drüben Demokratie. (tags: farblos.net demokratie blogroll unsereuni unibrennt audimax) [...]