Finden nicht statt, wie es so schön heißt. So schön, dass offenbar sowohl der Standard (mit langem Gesicht) als auch die Presse (mit diebischer Freude) unbedingt dieses Resümee aus der gestrigen 63. Landesversammlung der Grünen Wien ziehen wollen. Dem liegt allerdings ein hartnäckiges Missverständnis der Initiative Grüne Vorwahlen zu Grunde: angesagt war gar nix, schon gar keine Revolution.
Ziel der Vorwahlen war nie, und das wurde oft genug betont, personelle oder strukturelle Umwälzungen bei den Grünen zu erreichen. Ziel war es, SympathisantInnen aufzurufen, ihre statutenmäßigen Rechte – soweit sie ihnen zuerkannt werden konnten – wahrzunehmen und bei der Listenerstellung mitzuwirken, nicht mehr und nicht weniger. Dass es sich eben nicht um einen Realo-Wahlverein für internetaffine KandidatInnen mit umstürzlerischen Ambitionen handelt, legt das Ergebnis nahe.
Auch wenn etwa Vorwahlen-Befürworter Christoph Chorherr auf einer überraschend guten Platzierung und eher dem Lager der Skeptiker zuzurechnende KandidatInnen wie Martin Margulies, Markus Rathmayr und Monika Vanas auf verhältnismäßig schlechten Plätzen landeten, ist das nicht dem uniformen Wahlverhalten der VorwählerInnen geschuldet. Vielmehr ist dieses Ergebnis auf die Stimmung in der gesamten Basis zurückzuführen (wie Gerald Bäck richtig anmerkt): Die Twitter-Favoriten Marco Schreuder und Armin Soyka finden sich nämlich erst recht weit hinten auf der Liste. Hätte es die Absicht gegeben, bestimmte Kandidaten gegen den Willen des Rests der Basis durchzusetzten, hätte sich das wohl auf alle drei Kandidaten ähnlich positiv auswirken müssen. Das sollte man als Beleg dafür deuten, dass es sich bei den VorwählerInnen um eine heterogene Gruppe handelt, die frei und nur der eigenen Überzeugung verpflichtet wählt.
Pessimisten merken an dieser Stelle an: Es waren eben zu wenige VorwählerInnen anwesend, um die revolutionären Pläne effektiv in die Tat umzusetzen. Tatsächlich waren im Verlauf des Abends etwa 100 der ungefähr 500 Anwesenden UnterstützerInnen – diese wiederum nur zum Teil VorwählerInnen. Dieser Verdacht lässt sich tatsächlich nicht ein für allemal unwiderlegbar entkräften. Festhalten lässt sich aber, dass diese Zahlen auch nicht gerade für die Revolutionstheorie sprechen: Wenn es auf das organisierte Wahlverhalten im Dienste bestimmter Kandidaten angekommen wäre, hätten sich doch sicherlich mehr VorwählerInnen mobilisieren lassen. Gerade die nicht unbedingt exorbitant hohe Anwesenheit – bestenfalls nicht einmal die Hälfte der 230 Aufgenommenen – spricht meiner Meinung nach doch deutlich gegen die These von der zentralen Fernsteuerung.
Die Vorwahlen-Initiative hatte also vor allem einen und zwar exakt den angestrebten Effekt: Es waren mehr Leute da. Mehr Leute haben sich aktiv mit Politik auseinandergesetzt; mehr Leute haben Demokratie auch einmal abseits der Gemeinderats-, Landtags-, und Nationalratswahlen am eigenen Leib erlebt; mehr Leute haben eine Partei auch einmal von innen erlebt. Ich hatte jedenfalls den Eindruck, dass es die Politikverdrossenheit nachhaltig eindämmt, wenn man selbst miteintscheiden darf – und sich später nicht mehr (so leicht) auf intransparente Personalpolitik ausreden kann, wenn mal wieder etwas schief läuft. Wer als UnterstützerIn nach der Listenwahl immer noch unzufrieden ist, ist sicherlich deutlich motivierter, sich weiter einzubringen, um “ihren” Kandidaten parteiintern mehr Standing zu verschaffen, als jemand, der gar keinen Einfluss hat. Statt daher die Hürden für den UnterstützerInnen-Status möglichst hoch anzusetzen, wäre es klug, Interessierte mit den Mitbestimmungsmöglichkeiten zu locken: Wer mitreden darf, ist in der Folge geneigter, auch mitzuarbeiten. Hat man so eine Landesversammlung einmal erlebt, ist die Wahrscheinlichkeit deutlich höher, dass die Lust auf Mitarbeit steigt – es ist, bei aller Langwierigkeit, einfach ein elektrisierendes und spannendes Erlebnis! Hier läge in meinen Augen durchaus ein Weg aus der Demokratiekrise, wenn andere Parteien (denen es, wie man hört, ja nicht allen so berauschend gehen soll) ähnliche Möglichkeiten böten.
Kann man trotzdem ein Haar in der basisdemokratischen Suppe finden? Man kann. Entscheidungen fallen nämlich tendenziell eher zu Lasten der Sachkompetenz und zu Gunsten von Emotionalität. Ich hatte den Eindruck, dass Kandidaten wie Alexander Spritzendorfer, Hans G. Zeger oder Rainer Fussenegger, die eher unemotional auf ihre besondere fachliche Qualifikation verwiesen, zu sehr ins Hintertreffen gerieten, während emotionale Auftritte mehr Wirkung hatten. Spontane Idee: eine Experten-Quote einführen.
Für Twitterlose:
The Sandworm – 63. Landesversammlung der Wiener Grünen
Die Liste
Franz Joseph – Wien-Wahl 2010: Die grünen KandidatInnen im Web


4 Kommentare
Ich hab mir gestern aus der Ferne die Frage gestellt, ob dieser ich halte eine tolle Rede und krieg dann viele Stimmen Wahlmodus wirklich zielführend ist? Tatsächlich führt das eben dazu, dass vor allem Emotion, Rhetorik und Eloquenz (über)bewertet werten. Andererseits fällt mir da jetzt auch nichts besseres ein. Immerhin wirds durch den Wahlmodus ein wenig abgeschwächt.
Als jemand, der nur die Außenperspektive kennt und das ganze Projekt bloß über soziale Medien miterlebt hat, hat sich bei mir ein bisschen ein anderer Eindruck festgesetzt.
Ich erinnere mich noch, wie präsent das Thema “Grüne Vorwahlen” vor ein paar Monaten war. Twitter schien zu dieser Zeit zu einem einzigen Vorwahlmedium mutiert zu sein; “meine tägliche Lieblingssoap” (oder so ähnlich) nannte es Corinna Milborn damals ironisch. Doch als ich gestern bemerkte, dass eben die Landesversammlung stattfand, war ich richtig überrascht. Was, heute soll das sein? Da wurde mir erst bewusst, wie sehr sich offenbar das Interesse in der Twittersphäre verflüchtigt hatte.
Was blieb?
Keine Ahnung. Ich jedenfalls wurde eher abgeschreckt: Weniger von den Grünen selbst als von dem Milieu, aus dem die Partei schöpft: Kaum Empathie & Solidarität, dafür viel Agressivität und kleinliche Zickengefechte, wie sie eben gerade in bürgerlichen Parteien üblich sind. Abschließende Kommentare wie “bin unzufrieden, man sollte Wahlmodus ändern und Quotenregelung abschaffen” zeigen vor allem, dass manche Vorwähler auch bloß nach dem gleichen impliziten Handlungsmuster ticken wie die von ihnen oft kritisierten alteingesessenen Parteifunktionäre: Es geht darum, eigene Leute (“Freunde”) durchzudrücken. Die zahlreichen Wahlaufrufe für ausschließlich männliche Kandidaten mit hoher Webpräsenz bezeugten dies gestern.
Nach meiner Beobachtung erwies sich das Vorwahlprojekt daher weniger als Parteiöffnung, sondern eher als ein zusätzlicher Parteiflügel, von dem aber keiner weiß, wofür er eigentlich steht.
Aber wie gesagt: Das ist nur meine Außenperspektive! ;-)
LangDetecten>de YahooC
Oder
@beobachta
Ich seh das anders. Das kleine Grüppchen an VorwählerInnen die durch die zahllosen Unterstützungsantragsablehnungen politik- und demokratieinteressierter GrünwählerInnen, durch Mißtrauen übelsten Niveaus und selbst durch grausliche Wirtshauspolemik nicht den Glauben an und das Vertrauen in die Grünen verloren haben waren gestern da. Dass es dann KanditatInnen gab die von dieser “Gruppe” favorisiert wurden liegt nicht daran dass Freunde gepusht werden sollten sondern an Themen die dieses Grüppchen offenbar gemeinsam hat: Offenheit und Demokratie. Denn genau das waren und sind die Themen der KanditatInnen die hier favorisiert wurden.
Schade, dass es wenig – chancenreiche- Frauen gab, die diese Themen zu ihren gemacht haben. Und: Wahrscheinlich kein Zufall, dass KanditatInnen mit diesem Thema offenbar zur Internetaffinität neigen.
Traurig bin ich, weil ich das enorme Potential an politischem Engagement, das für die Grünen drin gewesen wäre und das sie im Vorfeld verspielt haben jetzt ganz klar vor Augen habe. Kenne persönlich einige, die sich diesen Sonntag mehr als anstecken lassen hätten sich in Zukunft weiter und nicht nur am Stimmzettel politisch zu engagieren. Die wurden aber ohne Begründung abgelehnt und sind jetzt zu Recht enttäuscht und frustriert. Deshalb find ich’s auch ganz bitter wenn Maria Vassilakou im heutigen Standard meint sie hat nicht mit vielen VorwählerInnen gerechnet weils eine andere Sache ist Leute im Internet zu mobilisieren als sie an einem sonnigen Sonntag ins Austriacenter zu bringen. Da hat sie die Enttäuschung von Grund auf motivierter Menschen nicht verstanden. Das enttäuscht mich abermals.
@Gerald
Dass man mit Emotionen stark punkten kann, halte ich nicht für völlig verkehrt: Immerhin müssen die Gewählten sich dann im Wahlkampf bewähren – da ist die Fähigkeit, zu emotionalisieren enorm wichtig. Muss fairerweise aber hinzufügen: So massiv war der Emotions-Faktor auch wieder nicht. Richtig “abgeräumt” hat in der Hinsicht eigentlich nur Martina Wurzer – zu recht, gerade junge KandidatInnen, die halt nicht unbedingt die Erfahrung oder konkrete Erfolge vorweisen können, müssen auf Leidenschaft setzen.
Wahrscheinlich war es einfach vielen kein besonderes Anliegen die Liste thematisch möglichst breit aufzustellen. Etwas schade, weil ich kluge Kulturpolitik eigentlich immer für ein besonders grünes Anliegen gehalten habe. Auch ausgewiesene Datenschutz- und Finanzexperten wären meiner Meinung nach wichtig gewesen. Letztlich sind aber eben 16 Fixplätze wohl einfach zu wenig.
@Beobachta
Dass die Vorwahlen nicht unmittelbar bis zu Landesversammlung ein Twitter-Dauerbrenner waren, heißt ja noch nix. Nur weil es sich in der Twittersphäre nicht abbildet muss das Interesse noch lange nicht erloschen sein.
Ich finde es ehrlich gesagt nicht weiter erstaunlich, dass die Reaktionen auf beiden Seiten so heftig waren; keine “geschlossene Gesellschaft” lässt sich gerne einfach so von außen etwas aufdrängen – gut gemeint hin oder her. Es ist ja schon bemerkenswert, dass die Initiative nicht überhaupt total abgewürgt wurde.
Der Eindruck vom zusätzlichen Parteiflügel ist ein unglücklicher, der durch die lebhafte Diskussion und die dabei aufgeworfenen Gräben entstanden ist (ja: man ist sich wirklich nichts schuldig geblieben. In diesem Zusammenhang ist der Scheiß-Internet-Preis auch nicht gerade ein tolles Zeugnis für die durchaus auch geforderte Selbstkritikfähigkeit der OrganisatorInnen). Gerade das (ein extra Flügel) sollten die Vorwahlen ja nicht sein – aber gerade diese Bedenken wurden auf der LV recht deutlich zerstreut, wie ich finde.
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Gute Analyse RT @klapauz: Kleine #gruenelv Nachbetrachtung-Angesagte Revolutionen: http://bit.ly/2FSzl3 #gruenevw
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"Es dämmt die Politikverdrossenheit nachhaltig ein, wenn man selbst miteintscheiden darf" http://is.gd/4XrEd #demokratie #gruenevw #gruenelv
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